«Crevetten» in Schweizer Gewässern
Von Norbert Raabe.
In den Schweizer Flüssen und Seen finden sich immer mehr Tierarten, die es dort früher nicht gab – eine starke Konkurrenz für angestammte Arten.
Zum Teil ein Rätsel: Ein Schwarm «Genferseegarnelen» (Hemimysis anomala) – fotografiert im Winter, obwohl sich die Tiere gewöhnlich im Frühling und Sommer fortpflanzen.

Mittlerweile zählen auch «Crevetten» zu den Schweizer Seebewohnern: Die ein bis anderthalb Zentimeter lange Donau-Schwebegarnele beispielsweise tauchte 2006 zum ersten Mal in der Bregenzer Bucht auf. Inzwischen gibt es sie in riesigen Schwärmen im gesamten Bodensee. Im Genfersee breitete sich unterdessen die Garnele Hemimysis anomala aus, die aus der Region zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer stammt.
Die ökologischen Folgen dieser so genannten Neozoen sind weitgehend unbekannt. Eingeschleppt wurden sie durch die Öffnung von Wasserwegen und die Handelsschifffahrt, wie der Gewässerbiologe Patrick Steinmann sagt, der sich seit Jahren mit diesem Phänomen befasst.
Konkurrenten für angestammte Arten
Auch im Zürichsee leben neu eingewanderte Arten, wie schon seit zwei Jahren der Höckerflohkrebs, der ebenfalls aus dem Kaukasus stammt. Er vertilgt in rauen Mengen einheimische Flohkrebse, Wasserasseln und Wasserinsekten. Wasserproben ergaben ein Vorkommen von 400 bis 600 Tieren pro Quadratmeter. Der zwei Zentimeter lange Fremdling war vor sechs Jahren erstmals im Bodensee gesichtet worden.
Der Kamberkrebs ist ein weiterer Migrant im Zürichsee. Aus dem Sihlsee zog er vorerst in den oberen Teil. Der sieben bis acht Zentimeter lange «Amerikaner» überträgt die Krebspest. Selber ist er dagegen immun, doch die Krankheit tötet fast alle anderen Krebsarten.
Sorgen verursacht zudem die aus dem Schwarzmeer-Gebiet stammende Quagga-Muschel. Auf ihrem Vormarsch rheinaufwärts in Richtung Bodensee ist sie bereits in Karlsruhe angelangt. Das robuste Schalentier lebt in der Tiefe und ist gefürchtet, weil es in grossen Massen Ansaugschächte für das Trinkwasser verstopfen kann. Der Bodensee ist Trinkwasserspeicher für rund fünf Millionen Menschen.
Wanderung entlang der Wasserwege
Die aquatischen Tiere können nichts für ihre Migration – verantwortlich sind die Menschen. «Schuld daran ist die Mobilität im Wassersport, die Öffnung der Wasserwege und auch die Handelsschifffahrt», sagt Neozoenforscher Steinmann. Die Verschleppung der Organismen erfolge gross- und kleinräumig: einerseits durch Frachtschiffe, die aussereuropäisches Ballastwasser ungefiltert in europäischen Häfen ablassen, andererseits durch die Öffnung von Wasserwegen wie im Fall des Rhein-Main-Donau Kanals.
Auch Kleinboote spielen bei der Verbreitung eine Rolle: Die Internationale Wassersportgemeinschaft Bodensee (IWGB) gibt in der laufenden Wassersportsaison zum ersten Mal das Merkblatt «Blauer Anker» heraus. Darin wird auf die sorgfältige Reinigung von «Wanderbooten» schon beim Auswassern im fremden Revier, aber auch auf die Säuberung von Tauchausrüstungen, Surfbrettern und anderen Wassersportgeräten und -ausrüstungen eingegangen. Die fremden Organismen können an Booten und Ausrüstungen eine Woche und länger überleben
Auswirkungen schwer abzuschätzen
Seit drei Jahren befasst sich das Forschungsprojekt «Aquatische Neozoen im Bodensee» mit den Neuzuzügern. In einem Zwischenbericht heisst es, dass das Neozoen bestimmt Auswirkungen auf das Ökosystem haben werde, jedoch seien die Folgen noch nicht absehbar.
Neozoenforscher Steinmann ist gleicher Ansicht, fügt aber hinzu: «Einige der fremden Arten haben sich anfangs explosionsartig ausgebreitet und sind inzwischen auf tiefem Niveau stabil.» Das heisse jedoch nicht, dass vom aquatischen Neozoen keine ernsthafte Gefahr ausgehe. «Das Problem wird sich in den nächsten Jahren vergrössern und vervielfältigen», glaubt er. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
Quelle: Tagesanzeiger.ch 25.08.2008 |