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In der Nacht folgen Robben den Sternen
Seehunde können sich sogar im trüben Wasser und in der Dunkelheit gut orientieren. Wie sie dies machen, untersuchen deutsche Experten am grössten Forschungszentrum für Robben.
Von Barbara Reye, Warnemünde
Mit Schwung wuchtet der Seehund Luca seine mehr als achtzig Kilogramm auf die schwimmende Plattform neben dem Forschungsschiff in der Ostsee. Der graubraun gescheckte Meeressäuger mit seinen runden Knopfaugen blickt konzentriert auf seine Trainerin, die eine Pfeife im Mund hat. Auf Befehl beginnt er entweder zu bellen oder zu grunzen. «Super, Luca!», lobt ihn Frederike Hanke. Als Belohnung wirft ihm die Biologin zwei kleine Heringe zu.
An der Küste von Warnemünde können Besucher solche spektakulären Experimente in wenigen Wochen auch live vom Sonnendeck des Schiffs erleben, das an der Mole befestigt ist. Umgeben von der Weite des Binnenmeers, auf dem riesige Fährschiffe nach Skandinavien fahren, einem Jachthafen an der Küste und einem rot-weiss gestreiften Leuchtturm in der Ferne ist der Ort für die wissenschaftlichen Versuche ungewöhnlich idyllisch.
Mit den Flossen balzen
«Wir haben alles nur Männer hier», sagt Guido Dehnhardt, der auf die Gruppe der neun Seehunde zeigt. Eine gleichgeschlechtliche Gruppe sei einfacher, da sie ja keine Robben züchten wollten. Balzen würden die Männchen allerdings weiterhin. Und zwar mit allen Tricks. Um beispielsweise gut gehört zu werden, nehmen die cleveren Tiere sogar das in ihrem Becken liegende gelbe Pedalo als Resonanzkörper. Manchmal klatschen sie auch nur mit den Flossen wild aufs Wasser oder blubbern effektvoll an der Wasseroberfläche, wodurch sich viele Bläschen bilden.
Derzeit bekommt das Forschungsschiff mitten in der Tieranlage zwar noch seinen letzten Schliff, während das rund 8000 Kubikmeter grosse Becken bereits vollständig installiert ist. Der Zoologe Guido Dehnhardt, der quasi der Kapitän auf dem einzigartigen Schiff ist, erforscht schon seit zwei Jahrzehnten die Sinneswahrnehmung von Robben. Wie finden sie im Dunkeln oder im trüben Meerwasser ihr Futter? Wie orientieren sich die Tiere, wenn sie aufgrund des Wellengangs kein Land mehr sehen? Oder wie kommunizieren sie untereinander?
Anhand früherer Versuche hat Dehnhardt zusammen mit Kollegen festgestellt, dass Robben auf das Gas Dimethylsulfid eine Million Mal empfindlicher reagieren als etwa der Mensch. Der Grund dafür ist, dass die schwefelhaltige Substanz den Tieren potenzielle Nahrungsquellen anzeigt. Denn das Gas wird von Algen freigesetzt, wenn sie von winzigen Krebstierchen gefressen werden. Und diese werden wiederum von Fischen verspeist, die für Robben ein Leckerbissen sind.
Den Salzgehalt schmecken
Durch ihren speziellen Geschmackssinn können die Meeressäuger zudem auch geringste Unterschiede im Salzgehalt des Meerwassers wahrnehmen. Ein grosser Vorteil für die Jagd unter Wasser, weil auch dies je nach Konzentration ein Hinweis auf einen guten Futterplatz sein kann. Denn dort, wo verschiedene Wasserkörper mit stark unterschiedlichem Salzgehalt aneinandergrenzen, finden Fische besonders viele Nährstoffe, sodass diese Gebiete auch von Robben gern aufgesucht werden.
«Los, Jungs», ruft nun Frederike Hanke, bläst erneut in die Pfeife und zeigt mit der Hand auf ein abgetrenntes Becken. Alle neun Seehunde schwimmen jetzt an ihre Plätze, die individuell mit einer Form wie etwa einem Kreis, einem Viereck oder einem Pilz gekennzeichnet sind. Danach macht die Forscherin bei allen einzeln einen Gesundheitscheck. Die Tiere drehen sich eines nach dem anderen auf der Plattform, lassen ihre Flossen untersuchen und sich den Bauch abdrücken. Nur der freche Mo, der erst seit kurzem da ist, gehorcht nicht und funkt dazwischen. Wie ein kleines Kind sei er sehr neugierig und wolle am liebsten die ganze Aufmerksamkeit für sich haben, sagt Hanke.
Um die Robben für die geplanten Experimente wie etwa das Farbsehen in der Dunkelkammer vorzubereiten, müssen sie gut trainiert werden. «Wir üben es mit ihnen Schritt für Schritt», betont Dehnhardt. Damit sie wissen, was auf sie zukäme. Zumeist müssen für die Tests aufwendige Versuchsanordnungen entwickelt werden. Zum Beispiel hätten sie vor dem Umzug nach Warnemünde noch im Kölner Zoo ein Planetarium über das Becken der Seehunde gebaut. Auf diese Weise liess sich erstmals nachweisen, dass Meeressäuger sich ähnlich wie Vögel ebenfalls an gewissen Sternen orientieren.
Ans Dach der Planetariumskuppel wurde der Sternhimmel der Nordhemisphäre projiziert und gleichzeitig die natürliche Erddrehung simuliert. Für den Versuch haben sich die beiden Seehunde Nick und Malte die Position des Sterns Sirius eingeprägt und änderten trotz dessen relativer Lageveränderung ihre eigene Schwimmrichtung nicht. Sie konnten somit ihren eigenen Kurs einhalten und liessen sich nicht beirren. Diese Art von Astro-Navigation ist bei den Polynesiern auch heute noch verbreitet.
Barthaare als Sensoren
Seehunde haben nicht nur diese aussergewöhnliche Fähigkeit, sondern sie können sich auch mit ihren hochsensiblen Schnauzhaaren im Meer bestens zurechtfinden. So registrieren sie damit sogar winzigste Wasserwirbel und können einen kleinen Fisch noch aus einer Entfernung von 180 Metern aufspüren. Dies geht ebenfalls aus einer früheren Studie im Kölner Zoo hervor. Dabei fand das Forscherteam heraus, dass ein Seehund die Spur eines im Schwimmbecken ferngesteuerten U-Boot-Modells noch eine halbe Minute später exakt verfolgen kann.
Solche Experimente sind keineswegs trivial, weil man stets ausschliessen muss, dass keine anderen Sinnesorgane wie etwa Augen und Ohren dabei eine Rolle spielen und die Ergebnisse letztlich beeinflussen können. Deshalb trugen die beiden Seehunde Henry und Nick spezielle Kopfhörer und elastische, mit Silikon überzogene Strumpfmasken. «Als ich damals im Supermarkt mit den vielen Nylonstrumpfhosen für Damen an der Kasse stand, schaute man mich etwas komisch an», erinnert sich Guido Dehnhardt. Doch das Material hätte sich für das Experiment besonders geeignet.
Aus Sicherheitsgründen muss das Forschungsschiff rund um die Uhr besetzt sein. «Wir haben hier bald auch eine Wohnung drin», sagt der Robben-Experte. Immerhin sei es ein grosses Experiment mitten im Meer, bei dem es andere Risiken als in einem Zoo gäbe. Obwohl Seehunde in der Ostsee keine natürlichen Feinde haben, kann es vor allem zu kleineren Auseinandersetzungen mit anderen Meeresbewohnern kommen. In der Tat lauern schon die ersten Silbermöwen mit ihren spitzen Schnäbeln - ganz im Wissen, dass in den beiden Eimern auf der Plattform jede Menge Heringe und Sprotten liegen.
Quelle: Tagesanzeiger Online |